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Wie entsteht Angst – und warum bleibt sie bestehen?

20. August 2026

Autorin: Lea Anthes

Angst ist eine Emotion, die wir alle kennen. Im letzten Blogpost haben wir gelernt, was Angst als Emotion ausmacht und auch, dass es ein „Zuviel“ an Angst geben kann, nämlich vor allem dann, wenn Personen unter ihr leiden und ihren Alltag beeinträchtigt sehen. Wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind, können Fachpersonen Angststörungen oder andere Störungen, die mit Angst einhergehen, diagnostizieren. Der Anteil der Menschen, die innerhalb eines Jahres von Angststörungen betroffen waren, ist mit der Häufigkeit von 15,3 Prozent die am häufigsten vorkommende Gruppe psychischer Störungen in Deutschland. Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Frage, wie genau Angst entsteht und warum sie bestehen bleibt und gegebenenfalls sogar zu einer psychischen Störung wird.

Wie entsteht Angst – und warum bleibt sie bestehen?

20. August 2026

Autorin: Lea Anthes

Angst ist eine Emotion, die wir alle kennen. Im letzten Blogpost haben wir gelernt, was Angst als Emotion ausmacht und auch, dass es ein „Zuviel“ an Angst geben kann, nämlich vor allem dann, wenn Personen unter ihr leiden und ihren Alltag beeinträchtigt sehen. Wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind, können Fachpersonen Angststörungen oder andere Störungen, die mit Angst einhergehen, diagnostizieren. Der Anteil der Menschen, die innerhalb eines Jahres von Angststörungen betroffen waren, ist mit der Häufigkeit von 15,3 Prozent die am häufigsten vorkommende Gruppe psychischer Störungen in Deutschland. Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Frage, wie genau Angst entsteht und warum sie bestehen bleibt und gegebenenfalls sogar zu einer psychischen Störung wird.

Angst: ein Produkt der Evolution

Wie jedes Lebewesen hat der Mensch eine lange Entwicklungsgeschichte hinter sich. In der Evolution unserer Welt galt stets eine Regel: Es setzten sich die Merkmale durch, die ihren Trägern das Überleben sicherten. Dies gilt sowohl für unseren Körper als auch für unsere Psyche. Die Art und Weise, wie wir Menschen denken und wie wir unsere Umwelt oder unsere Gefühle wahrnehmen, erfüllt evolutionär also einen Zweck. Betrachten wir den Zweck der Angst etwas genauer und stellen uns dafür einen Menschen vor, wie er vor etwa einer Millionen Jahren ausgesehen haben muss. In Höhlen lebend und für sein Essen jagend. Dieser Urmensch ist unzähligen Gefahren ausgesetzt. Sieht er sich auf seiner Jagd einem übergroßen Säbelzahntiger gegenüberstehen, muss er schnell handeln können. Er hat drei Optionen – er kann den Kampf aufnehmen, er kann die Beine in die Hand nehmen und fliehen, oder er kann erstarren und hoffen, nicht entdeckt zu werden. Es überlebten diejenigen Urmenschen und gaben ihre Gene an die nächste Generation weiter, deren Körper besonders gut und schnell in den drei großen F’s waren: Fight (Kampf), Flight (Flucht), Freeze (Erstarren). Über Millionen von Jahren wurde dieser grundlegende Mechanismus in allen Lebewesen, die sich Gefahren ausgesetzt sahen, perfektioniert.

Angst ist also keine bewusste Entscheidung, sie ist ein Schutzmechanismus. Sie schützt uns vor Gefahren und sichert bis heute unser Überleben, indem sie unseren Körper und Geist auf potenzielle Gefahren vorbereitet. Das Nervensystem unseres Körpers lässt sich in zwei Gegenspieler teilen: Den Sympathikus und den Parasympathikus. Angst aktiviert den Sympatikus, den Teil unseres Nervensystems, der den Körper auf Leistung, Aktivität und Stress vorbereitet. Dadurch wird der Herzschlag schneller, sodass unser Blut schneller zirkuliert und unsere Muskulatur besser mit Sauerstoff versorgt ist. Unsere Muskeln zittern, um sich auf schnelle Bewegungen vorzubereiten, und wir schwitzen, um unsere Körpertemperatur dabei herunterzukühlen und länger leistungsfähig zu bleiben. Auch atmen wir schneller, um mehr Sauerstoff aufzunehmen, was oft einen gewissen Schwindel als Nebenwirkung hat. Unser Körper priorisiert ganz automatisch die schnellen, aktivierenden Funktionen gegenüber den nicht akut überlebenssichernden Funktionen, also dem Parasympathikus, der dann aktiv wird, wenn der Stress nachlässt und unser Körper wieder entspannen soll. So wird zum Beispiel die Verdauung hintangestellt – es ist gerade einfach nicht wichtig genug, wie schnell oder gut unser Magen-Darm-Trakt funktioniert. Dadurch können wir Bauchschmerzen bekommen oder durch fehlenden Speichelfluss einen trockenen Mund oder das Gefühl, einen Kloß im Hals zu haben.

Auch unsere Wahrnehmung und unsere Gedanken ändern sich durch Angst. Wir sind auf Hab-Acht-Stellung und „wie im Tunnel“. Alle Aufmerksamkeit ist auf die potenzielle Gefahr gerichtet. Einerseits schärft sich unser Denken, andererseits verengt es sich. Unser Gehirn wird gut darin, potenzielle Gefahren schnell erkennen und einschätzen zu können. Der ganze Fokus ist auf die Gefahr gerichtet und für unwichtige Reize und Ablenkungen ist kein Platz. Deswegen hat unser Gehirn in dem Moment wenig Energie für logisches Denken, kontextuelle Einordnung der Reize oder für den Abgleich mit bestehendem Wissen. Dass in Stress-Situationen verschiedene Bereiche unseres Gehirns aktiviert werden und diese unterschiedlich von anderen Hirnregionen funktionieren, ist eine sinnvolle Folge unserer Evolution. Dieser Mechanismus kann jedoch auch dazu beitragen, dass es nicht so einfach ist, Angst wieder loszuwerden, oder sie mit logischem Denken zu „besiegen“.

Die Biologische Grundlage der Angst, oder warum Zebras keine Angststörungen haben

In Stress-Situationen wird in unserem Gehirn das limbische System aktiv. Dieses nimmt die Bedrohung wahr, aktiviert unser sympathisches Nervensystem und löst damit die Kaskade der körperlichen Erregung aus. Im Kern des limbischen Systems liegt eine kleine mandelförmige Struktur, die sogenannte Amygdala. Die Amygdala und das limbisches System sind evolutionär alte Strukturen. Das bedeutet, dass sie in der menschlichen Entwicklungsgeschichte früh entstanden sind. So früh, dass jedes Tier die Strukturen dieses „alten Gehirns“ mit dem Menschen teilt. Gleichzeitig hat der Mensch sich weiterentwickelt. Das Gehirn ist nicht auf dem Stand des „alten Gehirns“ stehen geblieben, es wurde durch ein „neues Gehirn“ ergänzt, den sogenannten Kortex. Der Kortex ist die Rinde unseres Gehirns, also der äußere, evolutionär neueste Teil. Er gibt uns die Fähigkeit zur höheren Kognition, sodass wir Menschen reflektieren können, über uns und die Welt nachdenken können, Muster erkennen, logisch denken und planen können. Wenn die Amygdala Bedrohung wittert, aktiviert sie das limbische System und setzt den Kortex erst einmal auf die Pausenbank. Logisches Denken ist langsames Denken, und bei Gefahr muss es schnell gehen.

Wenn wir den Unterschied zwischen altem und neuem Gehirn verstehen können, kommen wir der Antwort auf die Frage, warum Angst manchmal unverhältnismäßig lange bestehen bleibt, einen Schritt näher. Stellen wir uns dafür ein ganz normales Zebra vor. Das Zebra verbringt die meiste Zeit des Tages damit zu grasen. Immerhin braucht es ganz schön viel Gras, damit ein großes Zebra seinen täglichen Kalorienbedarf gedeckt hat. Das Zebra ist entspannt – so lange, bis es in der Ferne eine Löwin sieht. Das alte Gehirn schlägt Alarm und stellt drei Verhaltensmöglichkeiten zur Verfügung: Kämpfen, Fliehen, Erstarren. Kämpfen und Erstarren wäre in der Situation Zebra gegen Löwin weniger gut fürs Zebra, als Beutetier kennt das Zebra-Gehirn also eh hauptsächlich die Option „FLUCHT!“. Es rennt also los, der Körper stellt innerhalb von Sekundenbruchteilen alles an Kraftreserve zur Verfügung, was geht – und es funktioniert: Das Zebra entkommt der Löwin. Und jetzt? Die Gefahr ist gebannt, das Zebra kann sich wieder entspannen und kehrt zum Grasen zurück und innerhalb von Minuten wirkt es so, als ob es dabei nie gestört worden wäre. Aber wie würde das aussehen, wenn das Zebra das Gehirn eines Menschen hätte?

Das „neue“ Gehirn funktioniert anders als das „alte“ Gehirn. Während das „alte“ Gehirn schnell in Reiz-Reaktions-Ketten denkt, denkt das neue Gehirn viel langsamer und in Mustern, will Ursachen finden, will nachdenken und verstehen. Nachdem die Gefahr gebannt ist, würde das Zebra nach der initialen Angstreaktion also wahrscheinlich zweifeln: Warum wollte die Löwin mich fressen? Habe ich einen Fehler gemacht, den ich zukünftig vermeiden muss? Ist die Savanne ein viel gefährlicherer Ort, als gedacht, und muss ich ab jetzt offene Flächen ganz vermeiden? Ich sollte mein Grasen besser planen…“. Dadurch würde das Zebra nicht so schnell wieder zum Grasen zurückkehren, denn das neue Gehirn würde dem alten Gehirn signalisieren: Die Gefahr ist noch nicht vorbei! Wir müssen noch eine bessere Lösung finden, damit wir wirklich sicher sind. Das ist vom neuen Gehirn zwar nett gemeint, jedoch ein Trugschluss, der schaden kann, denn so würde das Zebra lange Zeit in seiner Angstreaktion verharren, obwohl dies eigentlich schon längst überflüssig wäre.

So geht es unserem menschlichen Gehirn oft. Der Psychologe Paul Gilbert beschreibt unser Gehirn daher als „tricky“: Der alte Teil erkennt zwar die Gefahr, bleibt aber durch den neueren Teil aktiviert. Und als moderne Wesen sind wir Menschen nicht mehr durch Säbelzahntiger oder Löwen bedroht. Also reagiert unsere Amygdala eben auf anderen Stress, zum Beispiel die Kritik meines Chefs, die anstehende Klausur oder die Seitenblicke anderer Menschen. Dabei reagiert der Körper weiterhin so, als ob er kämpfen/fliehen/erstarren müsste und verharrt in der physiologischen Aktivierung.

Nachdem wir nun die biologische Entstehung der Angst und die Rolle, die das Gehirn in ihrer Aufrechterhaltung spielt, verstanden haben, können wir uns mit den allgemeinen Faktoren beschäftigen, die Angststörungen entstehen lassen.

Wie entstehen Angststörungen?

Angststörungen entstehen in der Regel nicht durch eine einzige Ursache, sondern durch ein Zusammenspiel verschiedener biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren.

Biologische Veranlagung:

Manche Menschen haben ein empfindlicheres „Alarmsystem“ im Gehirn, was bedeutet, dass sie schneller oder intensiver auf mögliche Gefahren reagieren. Im letzten Artikel haben wir über Persönlichkeitseigenschaften und unser inneres Alarmsystem als eine Art Rauchmelder, der zu empfindlich sein kann, gesprochen. Bei der Einstellung dieses Arlarmsystems können auch Gene eine Rolle spielen.

Psychologische Faktoren:

Angst kann erlernt sein, zum Beispiel indem das Gehirn bestimmte Orte oder Reize mit dem Label „gefährlich“ versieht. Auch die Art und Weise, wie wir Situationen interpretieren, spielt dabei eine Rolle. Gedanken wie „Ich verliere die Kontrolle“ oder „Ich blamiere mich“ können Angst zum Beispiel verstärken.

Soziale Faktoren:

Die soziale Umgebung, belastende Lebensereignisse, prägende Erfahrungen oder auch die Erziehung können dazu beitragen, dass sich eine Angststörung entwickelt. Hoher Stress oder Überforderung können das Risiko zum Beispiel erhöhen.

Der Teufelskreis der Angst: warum Angst bestehen bleibt

Angst hält sich oft durch einen sich selbst verstärkenden Kreislauf aufrecht, der dem „neuen Gehirn“ entspringt. Am Anfang steht ein Auslöser, etwa eine bestimmte Situation oder ein körperliches Gefühl. Darauf folgen beängstigende Gedanken, in etwa: „Das halte ich nicht aus!“. Diese Gedanken versetzen den Körper weiter in Alarm. Darunter entstehen Symptomen wie Herzklopfen oder Schwindel. Das bemerken wir und richten unsere Aufmerksamkeit weiter nach innen, wodurch die körperlichen Symptome der Angst als umso bedrohlicher wahrgenommen werden, was die Angst weiter verstärkt. Ein Teufelskreis der Angst entsteht: Je mehr Symptome ich wahrnehme, desto mehr Angst bekomme ich.

Um dem Kreislauf zu entkommen, versuchen Betroffene häufig, die Situation zu vermeiden beziehungsweise schnell zu verlassen, oder sie wenden sogenanntes Sicherheitsverhalten an. Das bringt zwar schnell und kurzfristig Erleichterung, bestätigt aber langfristig die Angst („Gut, dass ich weg bin – es war ja gefährlich“). So lernen wir nicht, dass die Gefahr von uns als viel schlimmer und bedrohlicher wahrgenommen wurde, als sie real war, und der Teufelskreis wird immer wieder neu in Gang gesetzt, wenn wir den Reizen oder körperlichen Symptomen neu ausgesetzt sind. Vermeidung ist eines der möglichen Hauptmerkmale von Angststörungen und ein wichtiger Grund, warum Ängste bestehen bleiben.

  • Vermeidung: Unter Vermeidung versteht man das bewusste Fernbleiben von angstauslösenden Situationen und Objekte oder das schnelle Verlassen dieser. Vermeidung wäre beispielsweise, wenn Betroffene nicht mehr Aufzug fahren.

  • Sicherheitsverhalten: Sicherheitsverhalten beschreibt Strategien, mit denen Menschen versuchen, sich in angstauslösenden Situationen „abzusichern“, beispielsweise indem sie ständig ihren Puls kontrollieren, nur mit einer Wasserflasche oder beruhigenden Medikamenten das Haus verlassen, um auf alle Schreckszenarien vorbereitet zu sein. Betroffene kommen der Angst also scheinbar zuvor.

Angst: ein Produkt der Evolution

Wie jedes Lebewesen hat der Mensch eine lange Entwicklungsgeschichte hinter sich. In der Evolution unserer Welt galt stets eine Regel: Es setzten sich die Merkmale durch, die ihren Trägern das Überleben sicherten. Dies gilt sowohl für unseren Körper als auch für unsere Psyche. Die Art und Weise, wie wir Menschen denken und wie wir unsere Umwelt oder unsere Gefühle wahrnehmen, erfüllt evolutionär also einen Zweck. Betrachten wir den Zweck der Angst etwas genauer und stellen uns dafür einen Menschen vor, wie er vor etwa einer Millionen Jahren ausgesehen haben muss. In Höhlen lebend und für sein Essen jagend. Dieser Urmensch ist unzähligen Gefahren ausgesetzt. Sieht er sich auf seiner Jagd einem übergroßen Säbelzahntiger gegenüberstehen, muss er schnell handeln können. Er hat drei Optionen – er kann den Kampf aufnehmen, er kann die Beine in die Hand nehmen und fliehen, oder er kann erstarren und hoffen, nicht entdeckt zu werden. Es überlebten diejenigen Urmenschen und gaben ihre Gene an die nächste Generation weiter, deren Körper besonders gut und schnell in den drei großen F’s waren: Fight (Kampf), Flight (Flucht), Freeze (Erstarren). Über Millionen von Jahren wurde dieser grundlegende Mechanismus in allen Lebewesen, die sich Gefahren ausgesetzt sahen, perfektioniert.

Angst ist also keine bewusste Entscheidung, sie ist ein Schutzmechanismus. Sie schützt uns vor Gefahren und sichert bis heute unser Überleben, indem sie unseren Körper und Geist auf potenzielle Gefahren vorbereitet. Das Nervensystem unseres Körpers lässt sich in zwei Gegenspieler teilen: Den Sympathikus und den Parasympathikus. Angst aktiviert den Sympatikus, den Teil unseres Nervensystems, der den Körper auf Leistung, Aktivität und Stress vorbereitet. Dadurch wird der Herzschlag schneller, sodass unser Blut schneller zirkuliert und unsere Muskulatur besser mit Sauerstoff versorgt ist. Unsere Muskeln zittern, um sich auf schnelle Bewegungen vorzubereiten, und wir schwitzen, um unsere Körpertemperatur dabei herunterzukühlen und länger leistungsfähig zu bleiben. Auch atmen wir schneller, um mehr Sauerstoff aufzunehmen, was oft einen gewissen Schwindel als Nebenwirkung hat. Unser Körper priorisiert ganz automatisch die schnellen, aktivierenden Funktionen gegenüber den nicht akut überlebenssichernden Funktionen, also dem Parasympathikus, der dann aktiv wird, wenn der Stress nachlässt und unser Körper wieder entspannen soll. So wird zum Beispiel die Verdauung hintangestellt – es ist gerade einfach nicht wichtig genug, wie schnell oder gut unser Magen-Darm-Trakt funktioniert. Dadurch können wir Bauchschmerzen bekommen oder durch fehlenden Speichelfluss einen trockenen Mund oder das Gefühl, einen Kloß im Hals zu haben.

Auch unsere Wahrnehmung und unsere Gedanken ändern sich durch Angst. Wir sind auf Hab-Acht-Stellung und „wie im Tunnel“. Alle Aufmerksamkeit ist auf die potenzielle Gefahr gerichtet. Einerseits schärft sich unser Denken, andererseits verengt es sich. Unser Gehirn wird gut darin, potenzielle Gefahren schnell erkennen und einschätzen zu können. Der ganze Fokus ist auf die Gefahr gerichtet und für unwichtige Reize und Ablenkungen ist kein Platz. Deswegen hat unser Gehirn in dem Moment wenig Energie für logisches Denken, kontextuelle Einordnung der Reize oder für den Abgleich mit bestehendem Wissen. Dass in Stress-Situationen verschiedene Bereiche unseres Gehirns aktiviert werden und diese unterschiedlich von anderen Hirnregionen funktionieren, ist eine sinnvolle Folge unserer Evolution. Dieser Mechanismus kann jedoch auch dazu beitragen, dass es nicht so einfach ist, Angst wieder loszuwerden, oder sie mit logischem Denken zu „besiegen“.

Die Biologische Grundlage der Angst, oder warum Zebras keine Angststörungen haben

In Stress-Situationen wird in unserem Gehirn das limbische System aktiv. Dieses nimmt die Bedrohung wahr, aktiviert unser sympathisches Nervensystem und löst damit die Kaskade der körperlichen Erregung aus. Im Kern des limbischen Systems liegt eine kleine mandelförmige Struktur, die sogenannte Amygdala. Die Amygdala und das limbisches System sind evolutionär alte Strukturen. Das bedeutet, dass sie in der menschlichen Entwicklungsgeschichte früh entstanden sind. So früh, dass jedes Tier die Strukturen dieses „alten Gehirns“ mit dem Menschen teilt. Gleichzeitig hat der Mensch sich weiterentwickelt. Das Gehirn ist nicht auf dem Stand des „alten Gehirns“ stehen geblieben, es wurde durch ein „neues Gehirn“ ergänzt, den sogenannten Kortex. Der Kortex ist die Rinde unseres Gehirns, also der äußere, evolutionär neueste Teil. Er gibt uns die Fähigkeit zur höheren Kognition, sodass wir Menschen reflektieren können, über uns und die Welt nachdenken können, Muster erkennen, logisch denken und planen können. Wenn die Amygdala Bedrohung wittert, aktiviert sie das limbische System und setzt den Kortex erst einmal auf die Pausenbank. Logisches Denken ist langsames Denken, und bei Gefahr muss es schnell gehen.

Wenn wir den Unterschied zwischen altem und neuem Gehirn verstehen können, kommen wir der Antwort auf die Frage, warum Angst manchmal unverhältnismäßig lange bestehen bleibt, einen Schritt näher. Stellen wir uns dafür ein ganz normales Zebra vor. Das Zebra verbringt die meiste Zeit des Tages damit zu grasen. Immerhin braucht es ganz schön viel Gras, damit ein großes Zebra seinen täglichen Kalorienbedarf gedeckt hat. Das Zebra ist entspannt – so lange, bis es in der Ferne eine Löwin sieht. Das alte Gehirn schlägt Alarm und stellt drei Verhaltensmöglichkeiten zur Verfügung: Kämpfen, Fliehen, Erstarren. Kämpfen und Erstarren wäre in der Situation Zebra gegen Löwin weniger gut fürs Zebra, als Beutetier kennt das Zebra-Gehirn also eh hauptsächlich die Option „FLUCHT!“. Es rennt also los, der Körper stellt innerhalb von Sekundenbruchteilen alles an Kraftreserve zur Verfügung, was geht – und es funktioniert: Das Zebra entkommt der Löwin. Und jetzt? Die Gefahr ist gebannt, das Zebra kann sich wieder entspannen und kehrt zum Grasen zurück und innerhalb von Minuten wirkt es so, als ob es dabei nie gestört worden wäre. Aber wie würde das aussehen, wenn das Zebra das Gehirn eines Menschen hätte?

Das „neue“ Gehirn funktioniert anders als das „alte“ Gehirn. Während das „alte“ Gehirn schnell in Reiz-Reaktions-Ketten denkt, denkt das neue Gehirn viel langsamer und in Mustern, will Ursachen finden, will nachdenken und verstehen. Nachdem die Gefahr gebannt ist, würde das Zebra nach der initialen Angstreaktion also wahrscheinlich zweifeln: Warum wollte die Löwin mich fressen? Habe ich einen Fehler gemacht, den ich zukünftig vermeiden muss? Ist die Savanne ein viel gefährlicherer Ort, als gedacht, und muss ich ab jetzt offene Flächen ganz vermeiden? Ich sollte mein Grasen besser planen…“. Dadurch würde das Zebra nicht so schnell wieder zum Grasen zurückkehren, denn das neue Gehirn würde dem alten Gehirn signalisieren: Die Gefahr ist noch nicht vorbei! Wir müssen noch eine bessere Lösung finden, damit wir wirklich sicher sind. Das ist vom neuen Gehirn zwar nett gemeint, jedoch ein Trugschluss, der schaden kann, denn so würde das Zebra lange Zeit in seiner Angstreaktion verharren, obwohl dies eigentlich schon längst überflüssig wäre.

So geht es unserem menschlichen Gehirn oft. Der Psychologe Paul Gilbert beschreibt unser Gehirn daher als „tricky“: Der alte Teil erkennt zwar die Gefahr, bleibt aber durch den neueren Teil aktiviert. Und als moderne Wesen sind wir Menschen nicht mehr durch Säbelzahntiger oder Löwen bedroht. Also reagiert unsere Amygdala eben auf anderen Stress, zum Beispiel die Kritik meines Chefs, die anstehende Klausur oder die Seitenblicke anderer Menschen. Dabei reagiert der Körper weiterhin so, als ob er kämpfen/fliehen/erstarren müsste und verharrt in der physiologischen Aktivierung.

Nachdem wir nun die biologische Entstehung der Angst und die Rolle, die das Gehirn in ihrer Aufrechterhaltung spielt, verstanden haben, können wir uns mit den allgemeinen Faktoren beschäftigen, die Angststörungen entstehen lassen.

Wie entstehen Angststörungen?

Angststörungen entstehen in der Regel nicht durch eine einzige Ursache, sondern durch ein Zusammenspiel verschiedener biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren.

Biologische Veranlagung:

Manche Menschen haben ein empfindlicheres „Alarmsystem“ im Gehirn, was bedeutet, dass sie schneller oder intensiver auf mögliche Gefahren reagieren. Im letzten Artikel haben wir über Persönlichkeitseigenschaften und unser inneres Alarmsystem als eine Art Rauchmelder, der zu empfindlich sein kann, gesprochen. Bei der Einstellung dieses Arlarmsystems können auch Gene eine Rolle spielen.

Psychologische Faktoren:

Angst kann erlernt sein, zum Beispiel indem das Gehirn bestimmte Orte oder Reize mit dem Label „gefährlich“ versieht. Auch die Art und Weise, wie wir Situationen interpretieren, spielt dabei eine Rolle. Gedanken wie „Ich verliere die Kontrolle“ oder „Ich blamiere mich“ können Angst zum Beispiel verstärken.

Soziale Faktoren:

Die soziale Umgebung, belastende Lebensereignisse, prägende Erfahrungen oder auch die Erziehung können dazu beitragen, dass sich eine Angststörung entwickelt. Hoher Stress oder Überforderung können das Risiko zum Beispiel erhöhen.

Der Teufelskreis der Angst: warum Angst bestehen bleibt

Angst hält sich oft durch einen sich selbst verstärkenden Kreislauf aufrecht, der dem „neuen Gehirn“ entspringt. Am Anfang steht ein Auslöser, etwa eine bestimmte Situation oder ein körperliches Gefühl. Darauf folgen beängstigende Gedanken, in etwa: „Das halte ich nicht aus!“. Diese Gedanken versetzen den Körper weiter in Alarm. Darunter entstehen Symptomen wie Herzklopfen oder Schwindel. Das bemerken wir und richten unsere Aufmerksamkeit weiter nach innen, wodurch die körperlichen Symptome der Angst als umso bedrohlicher wahrgenommen werden, was die Angst weiter verstärkt. Ein Teufelskreis der Angst entsteht: Je mehr Symptome ich wahrnehme, desto mehr Angst bekomme ich.

Um dem Kreislauf zu entkommen, versuchen Betroffene häufig, die Situation zu vermeiden beziehungsweise schnell zu verlassen, oder sie wenden sogenanntes Sicherheitsverhalten an. Das bringt zwar schnell und kurzfristig Erleichterung, bestätigt aber langfristig die Angst („Gut, dass ich weg bin – es war ja gefährlich“). So lernen wir nicht, dass die Gefahr von uns als viel schlimmer und bedrohlicher wahrgenommen wurde, als sie real war, und der Teufelskreis wird immer wieder neu in Gang gesetzt, wenn wir den Reizen oder körperlichen Symptomen neu ausgesetzt sind. Vermeidung ist eines der möglichen Hauptmerkmale von Angststörungen und ein wichtiger Grund, warum Ängste bestehen bleiben.

  • Vermeidung: Unter Vermeidung versteht man das bewusste Fernbleiben von angstauslösenden Situationen und Objekte oder das schnelle Verlassen dieser. Vermeidung wäre beispielsweise, wenn Betroffene nicht mehr Aufzug fahren.

  • Sicherheitsverhalten: Sicherheitsverhalten beschreibt Strategien, mit denen Menschen versuchen, sich in angstauslösenden Situationen „abzusichern“, beispielsweise indem sie ständig ihren Puls kontrollieren, nur mit einer Wasserflasche oder beruhigenden Medikamenten das Haus verlassen, um auf alle Schreckszenarien vorbereitet zu sein. Betroffene kommen der Angst also scheinbar zuvor.

Fazit

Ängste haben eine Vielzahl an Ursachen und wenn Angststörungen entstehen, wird die Angst von einem „tricky“ Gehirn und einem Teufelskreis der Wahrnehmung der Angst sowie Vermeidungsverhalten aufrechterhalten. Doch das muss nicht so bleiben, denn Angst lässt sich psychotherapeutisch gut behandeln. Vereinbare jetzt ein Erstgespräch und lerne, wieder frei von Angst zu leben!

Autorin

Lea Anthes
Psychologin M. Sc., Psycho­logische Psychotherapeutin in Ausbildung, Bloggerin bei 100Fears

Fachlich geprüft von

Marco Schneider
Psychologe, M. Sc., ­Psycho­logischer Psychotherapeut, Inhaber
Textquellen

Angst.
Becker, E. S. (2011). 
(UTB Profile, Bd. 3512). Ernst Reinhardt Verlag.

Wie der Mensch zum Angstwesen wurde: Evolution und Kultur.
Frischmann, B. (2023). In B. Frischmann,
Angstwesen Mensch (S. 17–50). Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-67876-3_2

Angsterkrankungen: Großes Leid und hohe Kosten: Neueste Erkenntnisse zu Epidemiologie, Neurobiologie und Therapie von Angsterkrankungen.
Goddemeier, C. (2017).  Deutsches Ärzteblatt, 114(20), 991. https://www.aerzteblatt.de/archiv/pdf/bd78c55e-e202-49b4-bc87-a803a77d871d

Klinische Psychologie & Psychotherapie.
Hoyer, J. & Knappe, S. (
Hrsg.). (2020). (3., vollst. überarb. Aufl.). Springer.

Wissenschaftlich
fundierte Selbsthilfe­literatur

Gefühlslandschaft Angst.
Baer, U. & Frick-Baer, G. (2009). (Bibliothek der Gefühle, Bd. 9). Beltz.

Das große Buch der Gefühle.
Baer, U. & Frick-Baer, G. (2022). (5. Aufl.). Beltz.

Wenn Angst das Leben bestimmt: Selbsthilfe bei Angststörungen.
Morschitzky, H. (2019). Patmos Verlag.

Keine Panik vor der Angst! Angsterkrankungen verstehen und besiegen.
Ströhle, A. & Plag, J. (2020). (1. Aufl.). Kailash.

Diese und viele weitere Bücher stehen in den Praxen von 100Fears für Sie zur Ausleihe bereit.


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