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Wenn Sorgen große Wellen schlagen: Die generalisierte Angststörung

31. August 2026

Autorin: Lea Anthes

Kennst du das? Du stehst vor einer wichtigen Entscheidung, die dir schlaflose Nächte beschert. Du drehst dich von links nach rechts und findest einfach keine Ruhe, denn dein Kopf geht alle Eventualitäten durch, alle möglichen Konsequenzen und Folgen dieser einen wichtigen Entscheidung. Sophia kennt diese Situation sehr gut, denn ihre Nächte sehen fast immer so aus. Während sie nachts wach liegt und über den Tag nachdenkt erscheint es ihr, als ob die Sorgen über sie hereinbrechen wie große, dunkle Wellen und als ob sie immer in Alarmbereitschaft sei. Egal wie groß oder klein die Entscheidung ist, ihre Sorgen enden nicht, selbst wenn die Situation vorbei ist. Auch tagsüber macht sie sich so viele Sorgen über große und kleine Dinge, dass mittlerweile sogar ihre Freundinnen, die sie zu beruhigen versuchen, nicht mehr weiter wissen. Sie war zwar schon immer etwas ängstlich, erkennt sie sich seit nunmehr schon sechs Monaten jedoch nicht mehr wieder. Sophia leidet an einer generalisierten Angststörung, kurz GAS. In den nächsten vier Blogposts dieser Reihe wollen wir sie begleiten, von der Diagnose bis zur Behandlung und die GAS als psychische Störung besser verstehen lernen. In diesem Beitrag beschäftigen wir uns mit der Frage, was eine generalisierte Angststörung eigentlich ist und wie sie diagnostiziert wird.

Wenn Sorgen große Wellen schlagen: Die generalisierte Angststörung

31. August 2026

Autorin: Lea Anthes

Kennst du das? Du stehst vor einer wichtigen Entscheidung, die dir schlaflose Nächte beschert. Du drehst dich von links nach rechts und findest einfach keine Ruhe, denn dein Kopf geht alle Eventualitäten durch, alle möglichen Konsequenzen und Folgen dieser einen wichtigen Entscheidung. Sophia kennt diese Situation sehr gut, denn ihre Nächte sehen fast immer so aus. Während sie nachts wach liegt und über den Tag nachdenkt erscheint es ihr, als ob die Sorgen über sie hereinbrechen wie große, dunkle Wellen und als ob sie immer in Alarmbereitschaft sei. Egal wie groß oder klein die Entscheidung ist, ihre Sorgen enden nicht, selbst wenn die Situation vorbei ist. Auch tagsüber macht sie sich so viele Sorgen über große und kleine Dinge, dass mittlerweile sogar ihre Freundinnen, die sie zu beruhigen versuchen, nicht mehr weiter wissen. Sie war zwar schon immer etwas ängstlich, erkennt sie sich seit nunmehr schon sechs Monaten jedoch nicht mehr wieder. Sophia leidet an einer generalisierten Angststörung, kurz GAS. In den nächsten vier Blogposts dieser Reihe wollen wir sie begleiten, von der Diagnose bis zur Behandlung und die GAS als psychische Störung besser verstehen lernen. In diesem Beitrag beschäftigen wir uns mit der Frage, was eine generalisierte Angststörung eigentlich ist und wie sie diagnostiziert wird.

Was ist eine generalisierte Angststörung?

Angst ist zunächst eine normale und wichtige Schutzfunktion unseres Körpers. Sie hilft uns dabei, Gefahren zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren (lese hier mehr zu der Funktion von Angst). Doch was passiert, wenn die Angst nicht mehr nur dann auftaucht, wenn tatsächlich eine Gefahr besteht, sondern sich immer wieder auf mögliche zukünftige Ereignisse richtet und sich kaum noch beruhigen lässt? Wenn Sorgen den Alltag bestimmen und aus einem einzelnen Gedanken schnell eine Kette von „Was-wäre-wenn“-Fragen wird? Genau das ist bei Sophia der Fall.

Sophia ist 33 Jahre alt, Hausfrau und Mutter von zwei Kindern. An einem Dienstagmorgen steht sie müde von der schlaflosen Nacht an ihrem Küchenfenster und sieht zu, wie ihr Sohn auf dem Weg in die Schule hinter der ersten Straßenecke verschwindet. Für einen Moment bleibt sie wie erstarrt stehen, Kaffeetasse in der Hand, plötzlich hellwach. Ihr Herz schlägt schneller, ihre Gedanken überschlagen sich. Was, wenn ihm auf dem Schulweg etwas passiert, ihn ein Auto übersieht? Oder was, wenn er stürzt und alleine am Straßenrand liegen bleibt? Der Straßenverkehr ist generell so gefährlich, was, wenn beim nächsten Mal mit den Kindern im Auto etwas passiert, ich einen Unfall baue? Was, wenn… Jeder Versuch, sich zu beruhigen, wirkt wie der Versuch, gegen eine starke Strömung im Meer anzuschwimmen – je mehr sie sich dagegenstemmt, desto stärker zieht sie die Strömung mit sich. Wie bei Wellen tritt eine Sorge die nächste los, bis sie ganz unter Wasser gerät. Den ganzen Schultag ist sie besorgt und nervös. Sie checkt regelmäßig ihr Handy, um mitzubekommen, falls sich die Schule bei ihr meldet. Sie versucht sich abzulenken, greift nach einem Buch und dann einem Kreuzworträtsel, doch ihre Aufmerksamkeit schweift ab, immer wieder zurück in die endlose Schleife aus neuen ‚Was-wäre-wenn‘-Sorgen. Innerlich brodelt es jetzt, sie sagt sich selbst „Stopp!“ oder „Denke nicht daran!“, doch das funktioniert nicht. Am Küchentisch sitzend hat sie auf einmal die starke Befürchtung, völlig verrückt zu werden. Erst als ihr Sohn am Nachmittag wieder vor ihr steht, beruhigen sich ihre Gedanken etwas. Lange hält dies jedoch nicht an, schon wenig später denkt sie an den Schulweg morgen, die bald anstehende Dienstreise ihres Mannes und viele andere kleine und große Dinge. Auch abends im Bett hört das Gedankenkreisen nicht auf. Seit Monaten geht es Sophia nun schon so. Nichts scheint sie zu beruhigen, immer sind die Sorgen da. Irgendwann fragt sie sich, ob sie verrückt wird, ob es schädlich ist, sich die ganze Zeit so viele Sorgen zu machen. Ab dann beschäftigt sie sich jeden Tag mit der Sorge über ihre Sorgengedanken. Bis sich nach monatelanger Anspannung eines abends ein anderer Gedanke einschleicht, ganz kurz und ganz klein: Was, wenn ich nicht so leben muss? Wenn mir jemand helfen kann?

Einen Monat später sitzt sie an einem warmen Sommertag auf dem Sessel eines Psychotherapeuten, der sie nach ihrem Leiden fragt. Sie erzählt von ihren starken Ängsten und ständigen Sorgen. „Ich weiß gar nicht so recht, woher die Angst genau kommt. Oder was sie will.“, berichtet sie, den Blick auf ihre Hände gerichtet. „Die Angst ist einfach immer da. Es ist keine bestimmte Situation, ich mache mir einfach immer Sorgen. Sorgen um meine Familie, um meine Gesundheit, um den Beruf meines Mannes und unsere finanzielle Situation. Selbst um Kleinigkeiten mache ich mir Sorgen!“, sie redet schneller und langsam trifft ihr Blick den des Therapeuten, dem sie gegenüber sitzt. „Den ganzen Vormittag vor unserem Termin heute habe ich darüber nachgedacht, was wäre, wenn ich zu spät komme, was wäre, wenn ich etwas vergessen würde, was wäre, wenn ich es nicht mehr rechtzeitig schaffe, das Mittagessen für meine Kinder vorzubereiten. Ich springe von einem Thema zum nächsten, es hört nie auf.“

Außerdem berichtet Sophia, dass ihr tagsüber oft schwindelig sei und sie spüre, wie ihr Herz schnell gegen ihre Brust schlage oder gar stolpere. Manchmal hat sie das Gefühl, dass ihre Brust so eng ist, dass sie kaum Luft bekommt. „Das macht mir große Angst“, sagt sie leise. Dass sie immer so angespannt sei, führe auch dazu, dass sie Probleme habe, einzuschlafen und es ihr schwer falle, sich zu konzentrieren. Und auch wenn sie die letzten Monate mehrfach beim Physiotherapeuten gewesen sei, schien ihre Nackenverspannung nie so ganz wegzugehen. Sie berichtet von Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen und der Tatsache, dass sie es meist vermeide, mit ihren Kindern oder Freunden Ausflüge zu machen oder Auto zu fahren, aus Angst, dass ihnen auf den Straßen etwas Schlimmes zustoßen könnte. „Sogar vor unserem gewöhnlichen Urlaub in Spanien habe ich Angst! Es könnte ja immer etwas passieren! Wenn ich doch einmal etwas unternehme oder verreisen muss, plane ich alles ganz genau. Sie sollten mal meine To-Do-Listen sehen! So vergesse ich nichts oder übersehe mögliche Gefahren.“

Der Therapeut fragt weiter „haben sie das Gefühl, dass die Sorgen eigentlich viel stärker ausgeprägt sind, als es die tatsächliche Gefahr rechtfertigen würde, sie die Gedanken aber nicht kontrollieren können?“. Es folgt ein heftiges Nicken auf der anderen Seite. Sophia ist froh, verstanden zu werden. Die letzten sechs Monate waren anstrengend. Sie kam kaum zur Ruhe, konnte sich kaum mehr entspannen. Alles kostete mehr Kraft als sonst, denn alles zog Gedankenschleifen und eine ganz genaue Planung und Vorbereitung nach sich.

Es ist für Sophia nicht leicht, das alles so genau zu erzählen. Wenn sie ihren Freundinnen und ihrem Ehemann von ihren Sorgen erzähl hatte, wurde sie zumeist etwas verwirrt angeschaut und bekam die Antwort „aber beruhig’ dich doch einfach.“ oder „es wird schon nichts Schlimmes passieren.“ Doch hier wird sie verstanden. Sie erfährt, dass sie eine eine psychische Störung hat.

Die generalisierte Angststörung ist eine der häufigsten psychischen Störungen. Zwischen vier und sieben Prozent der Menschen erkranken in ihrem Leben an dieser Angststörung. Dabei geht die generalisierte Angststörung häufig mit anderen psychischen Störungen, wie beispielsweise einer Depression, einher.

Typische Symptome und Diagnostik

Sophia berichtet von Symptomen, die sehr typisch für eine generalisierte Angststörung sind. Das ICD-10 ist die Grundlage für die Diagnostik jeglicher Krankheiten, darunter auch psychischer Störungen. Wenn Psychiater und Psychotherapeuten Patienten haben, die berichten, seit mindestens sechs Monaten unter Anspannung und Sorgen zu leiden, fragen sie eine Liste von Symptomen ab, um zu überprüfen, ob die Kriterien einer generalisierten Angststörung erfüllt werden. Folgende Symptome können im Rahmen einer GAS auftreten:

Körperliche Symptome

Angst macht sich nicht nur in den Gedanken bemerkbar, sondern häufig auch deutlich im Körper. Zu den typischen Körpersymptome der Angst gehören beispielsweise Herzklopfen, Schweißausbrüche oder Zittern. Viele Betroffene berichten außerdem über Atembeschwerden oder ein Beklemmungsgefühl in der Brust, bis hin zu dem Gefühl, nicht richtig Luft zu bekommen. Manche Menschen erleben zudem Übelkeit, Magenbeschwerden, Schwindel oder Kribbelgefühle. Diese Beschwerden sind zwar sehr belastend, stellen jedoch eine normale körperliche Reaktion auf die anhaltende Alarmbereitschaft des Körpers dar. (Lese hier mehr über die Entstehung körperlicher Angstsymptome.)

Psychische Symptome

Zu den psychischen Symptomen zählen Schwindel, Schwäche, das Gefühl, von dem Körper oder der Umwelt wie abgeschnitten zu sein oder sogar die Angst zu sterben.

Symptome der Anspannung

Zu den Empfindungen, die mit Anspannung und Nervosität einhergehen, können unter anderem Muskelverspannung, akute oder chronische Schmerzen und Ruhelosigkeit zählen.

Unspezifische Symptome

Als unspezifische Symptome sind eine erhöhte Schreckhaftigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, eine anhaltende Reizbarkeit oder Einschlafstörungen aufgrund der Nervosität und Besorgnisse zu nennen.

Von all diesen Symptomen sollten mindestens vier, dabei eines davon aus der Liste der körperlichen Symptome, nach professioneller klinischer Einschätzung erfüllt sein. Außerdem stellen Psychiater und Psychotherapeuten im diagnostischen Prozess sicher, dass die Symptome nicht durch eine andere Angststörung oder psychische Störung besser erklärt werden kann. Im Rahmen der Diagnostik müssen konsiliarisch des Weiteren Allgemeinmediziner hinzugezogen werden, um zu überprüfen, dass die Störung nicht auf körperliche Ursachen zurückzuführen ist. Beispielsweise könnte eine Schilddrüsenüberfunktion ähnliche Symptome entstehen lassen oder auch der Konsum von bestimmten Drogen zu der Entstehung der umschriebenen Symptomatik beitragen.

Der Psychotherapeut, der Sophia gegenüber sitzt, sieht die Kriterien einer generalisierten Angststörung bei ihr erfüllt und vergibt daher die Diagnose. Außerdem berichtet Sophia von einem ganz typischen Symptom der generalisierten Angststörung: sogenannten Meta-Sorgen, also Sorgen über die eigenen Sorgen. Betroffene beschäftigen sich nicht nur mit möglichen Problemen im Alltag, sondern beginnen zusätzlich, ihre Sorgen selbst als Gefahr wahrzunehmen. Gedanken wie „Diese ständigen Sorgen machen mich noch verrückt“, „Irgendwann verliere ich die Kontrolle“ oder „Warum kann ich nicht einfach abschalten?“, sind typisch. Wenn wir zurückkehren zu unserer ursprünglichen Metapher der Angst als Rauchmelder, würde dieser Rauchmelder zunächst Alarm schlagen, obwohl keine Gefahr besteht, da dieser überempfindlich eingestellt ist. Doch mit der Zeit wird nicht nur der vermeintliche Brand zum Problem, sondern auch der Alarm selbst. Die Betroffenen beginnen, sich vor dem nächsten Alarm zu fürchten. Die eigentliche Sorge ist dann nicht mehr das Feuer, sondern die Angst vor dem piependen Rauchmelder selbst. Somit nimmt innere Anspannung zu und das Gefühl, die Gedanken nicht mehr kontrollieren zu können, verstärkt sich.

Was ist eine generalisierte Angststörung?

Angst ist zunächst eine normale und wichtige Schutzfunktion unseres Körpers. Sie hilft uns dabei, Gefahren zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren (lese hier mehr zu der Funktion von Angst). Doch was passiert, wenn die Angst nicht mehr nur dann auftaucht, wenn tatsächlich eine Gefahr besteht, sondern sich immer wieder auf mögliche zukünftige Ereignisse richtet und sich kaum noch beruhigen lässt? Wenn Sorgen den Alltag bestimmen und aus einem einzelnen Gedanken schnell eine Kette von „Was-wäre-wenn“-Fragen wird? Genau das ist bei Sophia der Fall.

Sophia ist 33 Jahre alt, Hausfrau und Mutter von zwei Kindern. An einem Dienstagmorgen steht sie müde von der schlaflosen Nacht an ihrem Küchenfenster und sieht zu, wie ihr Sohn auf dem Weg in die Schule hinter der ersten Straßenecke verschwindet. Für einen Moment bleibt sie wie erstarrt stehen, Kaffeetasse in der Hand, plötzlich hellwach. Ihr Herz schlägt schneller, ihre Gedanken überschlagen sich. Was, wenn ihm auf dem Schulweg etwas passiert, ihn ein Auto übersieht? Oder was, wenn er stürzt und alleine am Straßenrand liegen bleibt? Der Straßenverkehr ist generell so gefährlich, was, wenn beim nächsten Mal mit den Kindern im Auto etwas passiert, ich einen Unfall baue? Was, wenn… Jeder Versuch, sich zu beruhigen, wirkt wie der Versuch, gegen eine starke Strömung im Meer anzuschwimmen – je mehr sie sich dagegenstemmt, desto stärker zieht sie die Strömung mit sich. Wie bei Wellen tritt eine Sorge die nächste los, bis sie ganz unter Wasser gerät. Den ganzen Schultag ist sie besorgt und nervös. Sie checkt regelmäßig ihr Handy, um mitzubekommen, falls sich die Schule bei ihr meldet. Sie versucht sich abzulenken, greift nach einem Buch und dann einem Kreuzworträtsel, doch ihre Aufmerksamkeit schweift ab, immer wieder zurück in die endlose Schleife aus neuen ‚Was-wäre-wenn‘-Sorgen. Innerlich brodelt es jetzt, sie sagt sich selbst „Stopp!“ oder „Denke nicht daran!“, doch das funktioniert nicht. Am Küchentisch sitzend hat sie auf einmal die starke Befürchtung, völlig verrückt zu werden. Erst als ihr Sohn am Nachmittag wieder vor ihr steht, beruhigen sich ihre Gedanken etwas. Lange hält dies jedoch nicht an, schon wenig später denkt sie an den Schulweg morgen, die bald anstehende Dienstreise ihres Mannes und viele andere kleine und große Dinge. Auch abends im Bett hört das Gedankenkreisen nicht auf. Seit Monaten geht es Sophia nun schon so. Nichts scheint sie zu beruhigen, immer sind die Sorgen da. Irgendwann fragt sie sich, ob sie verrückt wird, ob es schädlich ist, sich die ganze Zeit so viele Sorgen zu machen. Ab dann beschäftigt sie sich jeden Tag mit der Sorge über ihre Sorgengedanken. Bis sich nach monatelanger Anspannung eines abends ein anderer Gedanke einschleicht, ganz kurz und ganz klein: Was, wenn ich nicht so leben muss? Wenn mir jemand helfen kann?

Einen Monat später sitzt sie an einem warmen Sommertag auf dem Sessel eines Psychotherapeuten, der sie nach ihrem Leiden fragt. Sie erzählt von ihren starken Ängsten und ständigen Sorgen. „Ich weiß gar nicht so recht, woher die Angst genau kommt. Oder was sie will.“, berichtet sie, den Blick auf ihre Hände gerichtet. „Die Angst ist einfach immer da. Es ist keine bestimmte Situation, ich mache mir einfach immer Sorgen. Sorgen um meine Familie, um meine Gesundheit, um den Beruf meines Mannes und unsere finanzielle Situation. Selbst um Kleinigkeiten mache ich mir Sorgen!“, sie redet schneller und langsam trifft ihr Blick den des Therapeuten, dem sie gegenüber sitzt. „Den ganzen Vormittag vor unserem Termin heute habe ich darüber nachgedacht, was wäre, wenn ich zu spät komme, was wäre, wenn ich etwas vergessen würde, was wäre, wenn ich es nicht mehr rechtzeitig schaffe, das Mittagessen für meine Kinder vorzubereiten. Ich springe von einem Thema zum nächsten, es hört nie auf.“

Außerdem berichtet Sophia, dass ihr tagsüber oft schwindelig sei und sie spüre, wie ihr Herz schnell gegen ihre Brust schlage oder gar stolpere. Manchmal hat sie das Gefühl, dass ihre Brust so eng ist, dass sie kaum Luft bekommt. „Das macht mir große Angst“, sagt sie leise. Dass sie immer so angespannt sei, führe auch dazu, dass sie Probleme habe, einzuschlafen und es ihr schwer falle, sich zu konzentrieren. Und auch wenn sie die letzten Monate mehrfach beim Physiotherapeuten gewesen sei, schien ihre Nackenverspannung nie so ganz wegzugehen. Sie berichtet von Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen und der Tatsache, dass sie es meist vermeide, mit ihren Kindern oder Freunden Ausflüge zu machen oder Auto zu fahren, aus Angst, dass ihnen auf den Straßen etwas Schlimmes zustoßen könnte. „Sogar vor unserem gewöhnlichen Urlaub in Spanien habe ich Angst! Es könnte ja immer etwas passieren! Wenn ich doch einmal etwas unternehme oder verreisen muss, plane ich alles ganz genau. Sie sollten mal meine To-Do-Listen sehen! So vergesse ich nichts oder übersehe mögliche Gefahren.“

Der Therapeut fragt weiter „haben sie das Gefühl, dass die Sorgen eigentlich viel stärker ausgeprägt sind, als es die tatsächliche Gefahr rechtfertigen würde, sie die Gedanken aber nicht kontrollieren können?“. Es folgt ein heftiges Nicken auf der anderen Seite. Sophia ist froh, verstanden zu werden. Die letzten sechs Monate waren anstrengend. Sie kam kaum zur Ruhe, konnte sich kaum mehr entspannen. Alles kostete mehr Kraft als sonst, denn alles zog Gedankenschleifen und eine ganz genaue Planung und Vorbereitung nach sich.

Es ist für Sophia nicht leicht, das alles so genau zu erzählen. Wenn sie ihren Freundinnen und ihrem Ehemann von ihren Sorgen erzähl hatte, wurde sie zumeist etwas verwirrt angeschaut und bekam die Antwort „aber beruhig’ dich doch einfach.“ oder „es wird schon nichts Schlimmes passieren.“ Doch hier wird sie verstanden. Sie erfährt, dass sie eine eine psychische Störung hat.

Die generalisierte Angststörung ist eine der häufigsten psychischen Störungen. Zwischen vier und sieben Prozent der Menschen erkranken in ihrem Leben an dieser Angststörung. Dabei geht die generalisierte Angststörung häufig mit anderen psychischen Störungen, wie beispielsweise einer Depression, einher.

Typische Symptome und Diagnostik

Sophia berichtet von Symptomen, die sehr typisch für eine generalisierte Angststörung sind. Das ICD-10 ist die Grundlage für die Diagnostik jeglicher Krankheiten, darunter auch psychischer Störungen. Wenn Psychiater und Psychotherapeuten Patienten haben, die berichten, seit mindestens sechs Monaten unter Anspannung und Sorgen zu leiden, fragen sie eine Liste von Symptomen ab, um zu überprüfen, ob die Kriterien einer generalisierten Angststörung erfüllt werden. Folgende Symptome können im Rahmen einer GAS auftreten:

Körperliche Symptome

Angst macht sich nicht nur in den Gedanken bemerkbar, sondern häufig auch deutlich im Körper. Zu den typischen Körpersymptome der Angst gehören beispielsweise Herzklopfen, Schweißausbrüche oder Zittern. Viele Betroffene berichten außerdem über Atembeschwerden oder ein Beklemmungsgefühl in der Brust, bis hin zu dem Gefühl, nicht richtig Luft zu bekommen. Manche Menschen erleben zudem Übelkeit, Magenbeschwerden, Schwindel oder Kribbelgefühle. Diese Beschwerden sind zwar sehr belastend, stellen jedoch eine normale körperliche Reaktion auf die anhaltende Alarmbereitschaft des Körpers dar. (Lese hier mehr über die Entstehung körperlicher Angstsymptome.)

Psychische Symptome

Zu den psychischen Symptomen zählen Schwindel, Schwäche, das Gefühl, von dem Körper oder der Umwelt wie abgeschnitten zu sein oder sogar die Angst zu sterben.

Symptome der Anspannung

Zu den Empfindungen, die mit Anspannung und Nervosität einhergehen, können unter anderem Muskelverspannung, akute oder chronische Schmerzen und Ruhelosigkeit zählen.

Unspezifische Symptome

Als unspezifische Symptome sind eine erhöhte Schreckhaftigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, eine anhaltende Reizbarkeit oder Einschlafstörungen aufgrund der Nervosität und Besorgnisse zu nennen.

Von all diesen Symptomen sollten mindestens vier, dabei eines davon aus der Liste der körperlichen Symptome, nach professioneller klinischer Einschätzung erfüllt sein. Außerdem stellen Psychiater und Psychotherapeuten im diagnostischen Prozess sicher, dass die Symptome nicht durch eine andere Angststörung oder psychische Störung besser erklärt werden kann. Im Rahmen der Diagnostik müssen konsiliarisch des Weiteren Allgemeinmediziner hinzugezogen werden, um zu überprüfen, dass die Störung nicht auf körperliche Ursachen zurückzuführen ist. Beispielsweise könnte eine Schilddrüsenüberfunktion ähnliche Symptome entstehen lassen oder auch der Konsum von bestimmten Drogen zu der Entstehung der umschriebenen Symptomatik beitragen.

Der Psychotherapeut, der Sophia gegenüber sitzt, sieht die Kriterien einer generalisierten Angststörung bei ihr erfüllt und vergibt daher die Diagnose. Außerdem berichtet Sophia von einem ganz typischen Symptom der generalisierten Angststörung: sogenannten Meta-Sorgen, also Sorgen über die eigenen Sorgen. Betroffene beschäftigen sich nicht nur mit möglichen Problemen im Alltag, sondern beginnen zusätzlich, ihre Sorgen selbst als Gefahr wahrzunehmen. Gedanken wie „Diese ständigen Sorgen machen mich noch verrückt“, „Irgendwann verliere ich die Kontrolle“ oder „Warum kann ich nicht einfach abschalten?“, sind typisch. Wenn wir zurückkehren zu unserer ursprünglichen Metapher der Angst als Rauchmelder, würde dieser Rauchmelder zunächst Alarm schlagen, obwohl keine Gefahr besteht, da dieser überempfindlich eingestellt ist. Doch mit der Zeit wird nicht nur der vermeintliche Brand zum Problem, sondern auch der Alarm selbst. Die Betroffenen beginnen, sich vor dem nächsten Alarm zu fürchten. Die eigentliche Sorge ist dann nicht mehr das Feuer, sondern die Angst vor dem piependen Rauchmelder selbst. Somit nimmt innere Anspannung zu und das Gefühl, die Gedanken nicht mehr kontrollieren zu können, verstärkt sich.

Fazit

Sophia ist erleichtert zu hören, dass es eine Erklärung für ihre ständigen Sorgen gibt und sie nicht schlichtweg verrückt wird. Sie versteht nun, dass die generalisierte Angststörung weit mehr als gelegentliches Grübeln oder alltägliche Sorgen darstellt. Die generalisierte Angststörung ist eine ernstzunehmende psychische Störung, die Gedanken, Gefühle, körperliches Wohlbefinden und das Verhalten gleichermaßen beeinflussen und den Alltag somit erheblich belasten kann. Besonders herausfordernd können dabei die schwer kontrollierbaren Sorge, die anhaltende Anspannung sowie die sogenannten Meta-Sorgen, also die Angst vor den Sorgen, sein. Eine professionelle Diagnostik ist die Grundlage, um Beschwerden besser verstehen und einzuordnen zu können. Sie ist der erste Schritt in der Behandlung der generalisierten Angststörung. Erkennst du dich in dem Artikel wieder und möchtest wissen, ob deine Symptome auch auf eine generalisierte Angststörung hinweisen? Melde dich bei 100Fears und wir unterstützen dich mit einer professionellen Diagnostik auf deinem Weg zu einem selbstbestimmten Leben!

Autorin

Lea Anthes
Psychologin M. Sc., Psycho­logische Psychotherapeutin in Ausbildung, Bloggerin bei 100Fears

Fachlich geprüft von

Marco Schneider
Psychologe, M. Sc., ­Psycho­logischer Psychotherapeut, Inhaber
Textquellen

S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen (Version 2.0, Registernummer 051-028).
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. (2021)
. AWMF. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/051-028

Generalisierte Angststörung.
Becker, E. & Hoyer, J. (2005,1. Aufl.). Hogrefe.

Generalisierte Angststörung. Ein Therapieprogramm.
Becker, E. & Margraf, J. (2007, 1. Aufl.). Beltz.

Wissenschaftlich
fundierte Selbsthilfe­literatur

Das Angstbuch: Woher Ängste kommen und wie man sie bekämpfen kann.
Bandelow, B. (2020, 14. Aufl.). rororo Taschenbücher. Rowohlt Taschenbuch Verlag.

Lass die Angst ziehen: Den Sorgenkreislauf durchbrechen und angstfrei leben.
Callesen, P. & Futtrup, A. M. (2021, 1. Aufl.). Beltz.

Meistern Sie Angst und Sorgen! Generalisierte Angststörung bewältigen – ein Patientenmanual.
Craske, M. G. & Barlow, D. H. (2016, 1. Aufl.). Hogrefe.

Ratgeber Generalisierte Angststörung: Informationen für Betroffene und Angehörige.
Hoyer, J., Beesdo-Baum, K. & Becker, E. S. (2016, 2. Aufl.). Ratgeber zur Reihe Fortschritte der Psychotherapie: Band 15. Hogrefe.

Keine Panik vor der Angst! Angsterkrankungen verstehen und besiegen.
Ströhle, A. & Plag, J. (2020,
1. Aufl.). Kailash.

Diese und viele weitere Bücher stehen in den Praxen von 100Fears für Sie zur Ausleihe bereit.


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