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Was sind die Ursachen der generalisierten Angststörungen und warum hören die Sorgen nicht auf?

13. September 2026

Autorin: Lea Anthes

„Was, wenn …?“ – Für manche Menschen ist dieser Gedanke kein kurzer Moment der Sorge, sondern ein ständiger Begleiter. Sorgen gehören zum Leben dazu, selten läuft immer alles nach Plan. Doch manchmal kontrollieren Sorgen den gesamten Alltag – das betrifft auch Sophia, die wir in unserem ersten Artikel zu der generalisierten Angststörung vorgestellt haben. Sophia war erleichtert, eine Diagnose erhalten zu haben, fragt sich nun jedoch: „Aber warum mache ich mir nur so viele Sorgen? Und warum hören die Sorgen nicht einfach auf?“. Die generalisierte Angststörung hat diverse Ursachen, entscheidend für den Therapieprozess sind jedoch nicht nur ihre Ursachen, sondern besonders auch die Faktoren, die die Sorgen am Leben halten.

Was sind die Ursachen der generalisierten Angststörungen und warum hören die Sorgen nicht auf?

13. September 2026

Autorin: Lea Anthes

„Was, wenn …?“ – Für manche Menschen ist dieser Gedanke kein kurzer Moment der Sorge, sondern ein ständiger Begleiter. Sorgen gehören zum Leben dazu, selten läuft immer alles nach Plan. Doch manchmal kontrollieren Sorgen den gesamten Alltag – das betrifft auch Sophia, die wir in unserem ersten Artikel zu der generalisierten Angststörung vorgestellt haben. Sophia war erleichtert, eine Diagnose erhalten zu haben, fragt sich nun jedoch: „Aber warum mache ich mir nur so viele Sorgen? Und warum hören die Sorgen nicht einfach auf?“. Die generalisierte Angststörung hat diverse Ursachen, entscheidend für den Therapieprozess sind jedoch nicht nur ihre Ursachen, sondern besonders auch die Faktoren, die die Sorgen am Leben halten.

Ursachen der generalisierten Angststörung

Sophias Therapeut nimmt sich Zeit, um ihre Frage zu beantworten. Er erklärt, dass es, wie bei allen psychischen Störungen, nicht die eine Ursache gibt, die zu der Entstehung einer generalisierten Angststörung führt. Stattdessen lässt sich die Entstehung psychischer Probleme als Zusammenspiel verschiedener Einflussfaktoren verstehen. Um dies zu veranschaulichen, nutzt er die Metapher eines Fasses: Im Laufe des Lebens können sich unterschiedliche Anfälligkeiten, sogenannte Vulnerabilitäten, sammeln und den Wasserpegel stark steigen lassen. Diese können biologischer, psychischer oder sozialer Natur sein. Konkrete belastende Situationen fallen zusätzlich wie Regentropfen in dieses Fass. Das sind die auslösenden Faktoren. Wird das Fass schließlich sehr voll, kann bereits ein kleiner zusätzlicher Auslöser ausreichen, damit es überläuft und sich eine psychische Störung entwickelt.

Vulnerabilität: Die grundlegende Anfälligkeit

Verschiedene Menschen sind unterschiedlich anfällig dafür, dass sie eine psychische Störung entwickeln. In unserem Fass-Modell bedeutet das, dass manche Menschen schon früh einen höheren Wasserstand in ihrem Fass haben, als andere, sodass ihr Fass schlicht etwas schneller überlaufen kann. Betrachten wir diese verschiedenen Faktoren am Beispiel von Sophia genauer:

Biologische Faktoren

„Ich war schon als Kind total sensibel und ängstlich“, sagt Sophia. „Meine Mutter war genau so. Sie war immer sehr besorgt und immer sehr vorsichtig“. Sophia berichtet außerdem, dass sie während ihrer Schulzeit und in ihrem späteren Arbeitsleben immer leicht gestresst und schnell aufgebracht gewesen sei. Ihr Therapeut nickt und sagt, dass dies ein Hinweis auf bestimmte genetische Einflüsse sein könnte. „Ein leicht erregbares Stresssystem kann vererbt werden. Deswegen treten Angststörungen oft familiär gehäuft auf.“, erklärt er weiter.

Bestimmte genetische Faktoren erhöhen das Risiko, an Angststörungen zu erkranken, verursachen sie jedoch nicht allein. Auch neurobiologische Unterschiede in der Stressregulation des Körpers und in den Botenstoffen im Gehirn spielen vermutlich eine Rolle. Ebenso können bestimmte Persönlichkeitsmerkmale Hinweise auf eine frühe Anfälligkeit für Angsterkrankungen sein.

Psychologische Faktoren

Sophias Therapeut fragt sie weiter nach ihrer Kindheit und Jugend. Sie berichtet, dass sie bereits im Alter von fünf Jahren ihren Vater verloren habe und ihre Kindheit danach von der Angst vor dem Tod und der Angst, weitere Menschen zu verlieren, geprägt gewesen sei. Ihre Stimme zittert leicht, die Erinnerung schmerzt. Im Gespräch wird deutlich, dass Sophia in ihrem Leben bestimmte Überzeugungen entwickelt hat, die sie wie folgt formuliert: „Schlimme Dinge können jederzeit und plötzlich passieren.“ und „Man muss ständig wachsam sein.“. Ihre Mutter sei ebenfalls stets sehr besorgt um sie gewesen, wodurch der Eindruck entstand, dass die Welt ein gefährlicher Ort sein muss. So entwickelte Sophia den Anspruch, alles kontrollieren zu müssen, jegliche Unsicherheiten ausschließen zu können und den perfektionistischen Wunsch, Fehler unbedingt zu vermeiden. „Das prägt mich auch heute als Mutter sehr. Was, wenn meinen Kindern etwas passiert?“, fragt sie. Als Mutter Fehler zu machen könne sie sich nur schwer vorstellen, denn sie fühle sich übermäßig verantwortlich für das Wohlergehen aller Menschen ihres Umfeldes.

Frühe Erfahrungen können Grundüberzeugungen und Gedankenmuster prägen, die Menschen ein Leben lang begleiten können und so zu einer höheren Vulnerabilität für die Entstehung psychischer Störungen führen. Auch ungünstige Erziehungsstile wie kritische und überbehütende Erziehungsmuster treten daher häufig bei Eltern ängstlicher Kinder auf. Wie groß der Zusammenhang mit der Entstehung psychischer Störungen ist, ist jedoch noch fraglich.

Auslösende Faktoren

Sophia erkennt, dass ihr inneres Fass eventuell schon etwas voller war, als das von anderen Menschen. Stress und Belastungen kamen wie ein großer Regensturm hinzu und füllten ihr Fass weiter. So berichtet Sophia, dass ihre Sorgen nach der Geburt ihres zweiten Sohnes deutlich schlimmer geworden seien. „Weil mein Mann nach meiner zweiten Geburt so viel häufiger beruflich unterwegs war, lag die Verantwortung meist bei mir allein.“. Sie fühlte sich zunehmend überfordert. Der Therapeut fragt, ob sie schon damals in dauerhafter Alarmbereitschaft gewesen sei und Sophia nickt. Ihr Wunsch, eine „perfekte Mutter“ zu sein, verstärke den Druck zusätzlich. Der Therapeut erklärt, dass die Geburt ihres Sohnes wahrscheinlich einen kurzfristigen Auslöser darstellte. Durch die biologischen und psychologischen Faktoren entwickelte Sophia über ihr Leben hinweg genug Vulnerabilitäten, sodass die Rolle der alleine verantwortlichen Mutter und der Stress, der mit dieser kam, genug waren, um final ihre generalisierte Angststörung entstehen zu lassen.

Jegliche einschneidende Lebensereignisse können Auslöser sein. Häufig berichten Patienten von Arbeitslosigkeit, schweren Krankheiten, Trennungen oder chronischen Beschwerden und Schmerzen, die dem Beginn der generalisierten Ängste vorausgegangen sind. Aber auch ein hohes tägliches Stressniveau kann „den Wasserpegel“ stetig steigen lassen.

Doch warum hören die Sorgen nicht mehr auf?

Die Entstehung der Angststörung ist soweit nachvollziehbar, auch für Sophia: Wie für viele andere Betroffene entstanden die übermäßigen Sorgen für sie aus dem Wunsch, Gefahren zu verhindern. Doch es geht Sophia nicht besser, egal wie viel Mühe sie sich gibt, diese Gefahren nicht eintreten zu lassen. Im Gegenteil, die Ängste seien zunehmend schlimmer geworden. Ihr Therapeut erklärt ihr, dass das Problem weniger die Sorgen selbst sind, als der Umgang mit ihnen, der die Angst langfristig immer weiter verstärkt. Bestimmte Verhaltensweisen fungieren wie eine Verstopfung in dem Wasserhahn, über den das Fass eigentlich wieder geleert werden könnte. Damit erhalten sie die generalisierte Angststörung langfristig aufrecht und sorgen dafür, dass die Sorgen nicht mehr aufhören.

Unterdrückung von Gedanken

Viele Betroffene versuchen, ihre Sorgen zu unterdrücken oder bewusst nicht an sie zu denken. Sätze wie „Denk jetzt nicht daran!“ oder „Stopp, jetzt nicht!“ haben jedoch den gegenteiligen Effekt: Die Gedanken drängen sich immer wieder auf und wirken dadurch noch bedrohlicher. Die Wellen verschwinden nicht, nur weil man die Augen schließt. Sie werden eher noch viel bedrohlicher und das Gefühl, die eigenen Sorgen nicht kontrollieren zu können, nimmt dadurch zu, was die generalisierte Angststörung aufrecht erhält.

Vermeidung von Emotionen

Viele Betroffene haben den Eindruck, dass sie sich sehr intensiv mit ihren Sorgen beschäftigen, und erleben diese als unkontrollierbar. Tatsächlich geschieht jedoch das Gegenteil. Indem sie von einer Sorge zur nächsten springen, sodass sogenannte Sorgenketten entstehen, vermeiden sie es, eine Sorge komplett bis zum Ende durch zu denken. Wie in einem stürmischen Meer stößt eine Welle die nächste an, bevor die ursprüngliche Welle überhaupt bricht. Die Sorgen bestehen überwiegend aus gedanklichen Analysen, Planungen und hypothetischen „Was wäre, wenn…?“-Szenarien. Die eigentlichen Gefühle bleiben dabei oft im Hintergrund und werden dadurch vermieden.

Auch bei Sophia zeigt sich dieses Muster. Hinter vielen ihrer Sorgen steckt die tiefe Angst, wieder plötzlich einen geliebten Menschen zu verlieren. Doch statt dieses schmerzhafte Gefühl in seiner Fülle wahrzunehmen, beschäftigt sie sich stundenlang mit möglichen Gefahren und Katastrophen, die ihrer Familie zustoßen könnten, zum Beispiel Autounfällen oder Verletzungen auf dem Schulweg ihres Sohnes. Das ist eine Art der inneren Vermeidung.

Achtung: Vermeidung

Neben der inneren Vermeidung gibt es auch eine Vermeidung äußerer Reize, also von bestimmten Situationen oder Aktivitäten, die Angst auslösen könnten. So fährt Sophia beispielsweise kaum noch Auto, aus Angst, einen Unfall bauen zu können, der Ursache für den Tod ihrer Kinder sein könnte. Durch Vermeidung wird das Leben Betroffener zunehmend eingeschränkt und die Störung wird aufrechterhalten, da die Erfahrung, dass die angst-aktivierenden Situationen nicht zu den befürchteten Katastrophen führen, ausbleibt (lese hier mehr zu der Funktion von Vermeidung).

Hilft Rückversicherung?

Wenn die Unsicherheit für Sophia kaum auszuhalten ist und sie gewisse Situationen nicht vermeiden kann, sucht sie häufig Rückversicherung. Beispielsweise trifft sie Entscheidungen nur noch ungern allein, aus Angst, sich falsch zu entscheiden. Stattdessen fragt sie ihren Mann häufig nach seiner Einschätzung oder recherchiert stundenlang im Internet. Außerdem ruft sie ihren Ehemann an, wenn er sich verspätet, um sich zu versichern, dass ihm nichts Schlimmes passiert ist. In solchen Momenten fühle sie sich zunächst erleichtert. „Und auch hier“, sagt ihr Therapeut, „hält diese Erleichterung nur kurzfristig an. Das ist, als ob sie nur noch mit Schwimmreifen ins Meer gehen, weil ihnen die Wellen ein bisschen zu hoch sind. Am Anfang fühlt sich das vielleicht sicherer an, langfristig verlieren sie aber zunehmend das Vertrauen in ihre eigene Fähigkeit zu schwimmen. Sie glauben nicht mehr daran, dass sie die Situationen selbst einschätzen und Unsicherheit aushalten können. Dadurch wird die Rückversicherung immer wichtiger, und der Kreislauf der Angst setzt sich fort.“.

Meta-Kognitionen

Meta-Kognitionen sind Gedanken über Gedanken. Dabei gibt es positive und negative Meta-Kognitionen. Viele Menschen mit einer generalisierten Angststörung erleben ihre Sorgen zunächst gar nicht als Gegner, sondern als Schutzmechanismus. Sie haben die Überzeugung, dass sie nur dann ausreichend vorbereitet sind, wenn sie möglichst viele Risiken im Voraus durchdenken. 

Auch für Sophia sind positive Meta-Kognitionen wie „Wenn ich alle Möglichkeiten bedenke, kann ich rechtzeitig handeln.“ oder „Wer sich Sorgen macht, wird nicht überrascht.“ typisch. Sie habe den Eindruck, nur so eine verantwortungsvolle Mutter zu sein. Der Therapeut nickt. „Und das kann sich auch erst einmal so anfühlen.“, antwortet er. Weiter erklärt er: „Die Sorgen geben ihnen das Gefühl, aktiv etwas für die Sicherheit ihrer Familie zu tun. Langfristig lernt das Gehirn aber etwas anderes: Es denkt, dass die Sorgen sie schützen. Aber dadurch wird das Sorgenmachen selbst immer häufiger als Strategie eingesetzt – auch dann, wenn gar keine reale Gefahr besteht. So kommen sie nicht mehr los von ihren Sorgen.“ Sophia erkennt sich in dieser Aussage wieder.

Im letzten Artikel haben wir die Meta-Sorgen, also die Sorgen über das Sich-Sorgen-Machen, als zentralen Bestandteil der generalisierten Angststörung identifiziert. Meta-Sorgen zählen zu den negativen Meta-Kognitionen, da die Sorgen selbst hier als belastend, nicht hilfreich, erlebt werden. Zu Beginn war Sophia überzeugt, dass ihre Sorgen notwendig seien und ihr Kontrolle geben würden, doch nach monatelanger Belastung erschrecken sie die Intensität und Häufigkeit ihrer Sorgen zunehmend. Wenn sie nachts stundenlang wach liegt oder sie sich tagsüber kaum noch konzentrieren kann, entstehen neue Sorgen und sie denkt sich: „Ich muss weiter darüber nachdenken, weil ich dadurch vielleicht eine Lösung finde, aber gleichzeitig macht es mir auch Angst, dass ich nicht mehr aufhören kann zu grübeln.“ oder auch „Das ständige Sorgen macht mich bestimmt bald körperlich krank“. Solche Gedanken werden somit zum Auslöser neuer Angst. Zunehmend bekommt Sophia Angst vor ihren eigenen Gedanken, sodass sie diese noch mehr meiden möchte und versucht, mehr Kontrolle zu erlangen – mit den bereits genannten Strategien, die nicht hilfreich sind. Es entsteht insgesamt ein Kreislauf, der sich selbst verstärkt. Sie kann kaum neue Erfahrungen machen und erlebt nicht, dass Unsicherheit zum Leben dazugehört und dass viele ihrer Befürchtungen gar nicht eintreten. So wird die generalisierte Angststörung aufrechterhalten und deswegen gehen die Sorgen oder die innere Unruhe nicht einfach weg.

Ursachen der generalisierten Angststörung

Sophias Therapeut nimmt sich Zeit, um ihre Frage zu beantworten. Er erklärt, dass es, wie bei allen psychischen Störungen, nicht die eine Ursache gibt, die zu der Entstehung einer generalisierten Angststörung führt. Stattdessen lässt sich die Entstehung psychischer Probleme als Zusammenspiel verschiedener Einflussfaktoren verstehen. Um dies zu veranschaulichen, nutzt er die Metapher eines Fasses: Im Laufe des Lebens können sich unterschiedliche Anfälligkeiten, sogenannte Vulnerabilitäten, sammeln und den Wasserpegel stark steigen lassen. Diese können biologischer, psychischer oder sozialer Natur sein. Konkrete belastende Situationen fallen zusätzlich wie Regentropfen in dieses Fass. Das sind die auslösenden Faktoren. Wird das Fass schließlich sehr voll, kann bereits ein kleiner zusätzlicher Auslöser ausreichen, damit es überläuft und sich eine psychische Störung entwickelt.

Vulnerabilität: Die grundlegende Anfälligkeit

Verschiedene Menschen sind unterschiedlich anfällig dafür, dass sie eine psychische Störung entwickeln. In unserem Fass-Modell bedeutet das, dass manche Menschen schon früh einen höheren Wasserstand in ihrem Fass haben, als andere, sodass ihr Fass schlicht etwas schneller überlaufen kann. Betrachten wir diese verschiedenen Faktoren am Beispiel von Sophia genauer:

Biologische Faktoren

„Ich war schon als Kind total sensibel und ängstlich“, sagt Sophia. „Meine Mutter war genau so. Sie war immer sehr besorgt und immer sehr vorsichtig“. Sophia berichtet außerdem, dass sie während ihrer Schulzeit und in ihrem späteren Arbeitsleben immer leicht gestresst und schnell aufgebracht gewesen sei. Ihr Therapeut nickt und sagt, dass dies ein Hinweis auf bestimmte genetische Einflüsse sein könnte. „Ein leicht erregbares Stresssystem kann vererbt werden. Deswegen treten Angststörungen oft familiär gehäuft auf.“, erklärt er weiter.

Bestimmte genetische Faktoren erhöhen das Risiko, an Angststörungen zu erkranken, verursachen sie jedoch nicht allein. Auch neurobiologische Unterschiede in der Stressregulation des Körpers und in den Botenstoffen im Gehirn spielen vermutlich eine Rolle. Ebenso können bestimmte Persönlichkeitsmerkmale Hinweise auf eine frühe Anfälligkeit für Angsterkrankungen sein.

Psychologische Faktoren

Sophias Therapeut fragt sie weiter nach ihrer Kindheit und Jugend. Sie berichtet, dass sie bereits im Alter von fünf Jahren ihren Vater verloren habe und ihre Kindheit danach von der Angst vor dem Tod und der Angst, weitere Menschen zu verlieren, geprägt gewesen sei. Ihre Stimme zittert leicht, die Erinnerung schmerzt. Im Gespräch wird deutlich, dass Sophia in ihrem Leben bestimmte Überzeugungen entwickelt hat, die sie wie folgt formuliert: „Schlimme Dinge können jederzeit und plötzlich passieren.“ und „Man muss ständig wachsam sein.“. Ihre Mutter sei ebenfalls stets sehr besorgt um sie gewesen, wodurch der Eindruck entstand, dass die Welt ein gefährlicher Ort sein muss. So entwickelte Sophia den Anspruch, alles kontrollieren zu müssen, jegliche Unsicherheiten ausschließen zu können und den perfektionistischen Wunsch, Fehler unbedingt zu vermeiden. „Das prägt mich auch heute als Mutter sehr. Was, wenn meinen Kindern etwas passiert?“, fragt sie. Als Mutter Fehler zu machen könne sie sich nur schwer vorstellen, denn sie fühle sich übermäßig verantwortlich für das Wohlergehen aller Menschen ihres Umfeldes.

Frühe Erfahrungen können Grundüberzeugungen und Gedankenmuster prägen, die Menschen ein Leben lang begleiten können und so zu einer höheren Vulnerabilität für die Entstehung psychischer Störungen führen. Auch ungünstige Erziehungsstile wie kritische und überbehütende Erziehungsmuster treten daher häufig bei Eltern ängstlicher Kinder auf. Wie groß der Zusammenhang mit der Entstehung psychischer Störungen ist, ist jedoch noch fraglich.

Auslösende Faktoren

Sophia erkennt, dass ihr inneres Fass eventuell schon etwas voller war, als das von anderen Menschen. Stress und Belastungen kamen wie ein großer Regensturm hinzu und füllten ihr Fass weiter. So berichtet Sophia, dass ihre Sorgen nach der Geburt ihres zweiten Sohnes deutlich schlimmer geworden seien. „Weil mein Mann nach meiner zweiten Geburt so viel häufiger beruflich unterwegs war, lag die Verantwortung meist bei mir allein.“. Sie fühlte sich zunehmend überfordert. Der Therapeut fragt, ob sie schon damals in dauerhafter Alarmbereitschaft gewesen sei und Sophia nickt. Ihr Wunsch, eine „perfekte Mutter“ zu sein, verstärke den Druck zusätzlich. Der Therapeut erklärt, dass die Geburt ihres Sohnes wahrscheinlich einen kurzfristigen Auslöser darstellte. Durch die biologischen und psychologischen Faktoren entwickelte Sophia über ihr Leben hinweg genug Vulnerabilitäten, sodass die Rolle der alleine verantwortlichen Mutter und der Stress, der mit dieser kam, genug waren, um final ihre generalisierte Angststörung entstehen zu lassen.

Jegliche einschneidende Lebensereignisse können Auslöser sein. Häufig berichten Patienten von Arbeitslosigkeit, schweren Krankheiten, Trennungen oder chronischen Beschwerden und Schmerzen, die dem Beginn der generalisierten Ängste vorausgegangen sind. Aber auch ein hohes tägliches Stressniveau kann „den Wasserpegel“ stetig steigen lassen.

Doch warum hören die Sorgen nicht mehr auf?

Die Entstehung der Angststörung ist soweit nachvollziehbar, auch für Sophia: Wie für viele andere Betroffene entstanden die übermäßigen Sorgen für sie aus dem Wunsch, Gefahren zu verhindern. Doch es geht Sophia nicht besser, egal wie viel Mühe sie sich gibt, diese Gefahren nicht eintreten zu lassen. Im Gegenteil, die Ängste seien zunehmend schlimmer geworden. Ihr Therapeut erklärt ihr, dass das Problem weniger die Sorgen selbst sind, als der Umgang mit ihnen, der die Angst langfristig immer weiter verstärkt. Bestimmte Verhaltensweisen fungieren wie eine Verstopfung in dem Wasserhahn, über den das Fass eigentlich wieder geleert werden könnte. Damit erhalten sie die generalisierte Angststörung langfristig aufrecht und sorgen dafür, dass die Sorgen nicht mehr aufhören.

Unterdrückung von Gedanken

Viele Betroffene versuchen, ihre Sorgen zu unterdrücken oder bewusst nicht an sie zu denken. Sätze wie „Denk jetzt nicht daran!“ oder „Stopp, jetzt nicht!“ haben jedoch den gegenteiligen Effekt: Die Gedanken drängen sich immer wieder auf und wirken dadurch noch bedrohlicher. Die Wellen verschwinden nicht, nur weil man die Augen schließt. Sie werden eher noch viel bedrohlicher und das Gefühl, die eigenen Sorgen nicht kontrollieren zu können, nimmt dadurch zu, was die generalisierte Angststörung aufrecht erhält.

Vermeidung von Emotionen

Viele Betroffene haben den Eindruck, dass sie sich sehr intensiv mit ihren Sorgen beschäftigen, und erleben diese als unkontrollierbar. Tatsächlich geschieht jedoch das Gegenteil. Indem sie von einer Sorge zur nächsten springen, sodass sogenannte Sorgenketten entstehen, vermeiden sie es, eine Sorge komplett bis zum Ende durch zu denken. Wie in einem stürmischen Meer stößt eine Welle die nächste an, bevor die ursprüngliche Welle überhaupt bricht. Die Sorgen bestehen überwiegend aus gedanklichen Analysen, Planungen und hypothetischen „Was wäre, wenn…?“-Szenarien. Die eigentlichen Gefühle bleiben dabei oft im Hintergrund und werden dadurch vermieden. 

Auch bei Sophia zeigt sich dieses Muster. Hinter vielen ihrer Sorgen steckt die tiefe Angst, wieder plötzlich einen geliebten Menschen zu verlieren. Doch statt dieses schmerzhafte Gefühl in seiner Fülle wahrzunehmen, beschäftigt sie sich stundenlang mit möglichen Gefahren und Katastrophen, die ihrer Familie zustoßen könnten, zum Beispiel Autounfällen oder Verletzungen auf dem Schulweg ihres Sohnes. Das ist eine Art der inneren Vermeidung.

Achtung: Vermeidung

Neben der inneren Vermeidung gibt es auch eine Vermeidung äußerer Reize, also von bestimmten Situationen oder Aktivitäten, die Angst auslösen könnten. So fährt Sophia beispielsweise kaum noch Auto, aus Angst, einen Unfall bauen zu können, der Ursache für den Tod ihrer Kinder sein könnte. Durch Vermeidung wird das Leben Betroffener zunehmend eingeschränkt und die Störung wird aufrechterhalten, da die Erfahrung, dass die angst-aktivierenden Situationen nicht zu den befürchteten Katastrophen führen, ausbleibt (lese hier mehr zu der Funktion von Vermeidung).

Hilft Rückversicherung?

Wenn die Unsicherheit für Sophia kaum auszuhalten ist und sie gewisse Situationen nicht vermeiden kann, sucht sie häufig Rückversicherung. Beispielsweise trifft sie Entscheidungen nur noch ungern allein, aus Angst, sich falsch zu entscheiden. Stattdessen fragt sie ihren Mann häufig nach seiner Einschätzung oder recherchiert stundenlang im Internet. Außerdem ruft sie ihren Ehemann an, wenn er sich verspätet, um sich zu versichern, dass ihm nichts Schlimmes passiert ist. In solchen Momenten fühle sie sich zunächst erleichtert. „Und auch hier“, sagt ihr Therapeut, „hält diese Erleichterung nur kurzfristig an. Das ist, als ob sie nur noch mit Schwimmreifen ins Meer gehen, weil ihnen die Wellen ein bisschen zu hoch sind. Am Anfang fühlt sich das vielleicht sicherer an, langfristig verlieren sie aber zunehmend das Vertrauen in ihre eigene Fähigkeit zu schwimmen. Sie glauben nicht mehr daran, dass sie die Situationen selbst einschätzen und Unsicherheit aushalten können. Dadurch wird die Rückversicherung immer wichtiger, und der Kreislauf der Angst setzt sich fort.“.

Meta-Kognitionen

Meta-Kognitionen sind Gedanken über Gedanken. Dabei gibt es positive und negative Meta-Kognitionen. Viele Menschen mit einer generalisierten Angststörung erleben ihre Sorgen zunächst gar nicht als Gegner, sondern als Schutzmechanismus. Sie haben die Überzeugung, dass sie nur dann ausreichend vorbereitet sind, wenn sie möglichst viele Risiken im Voraus durchdenken. 

Auch für Sophia sind positive Meta-Kognitionen wie „Wenn ich alle Möglichkeiten bedenke, kann ich rechtzeitig handeln.“ oder „Wer sich Sorgen macht, wird nicht überrascht.“ typisch. Sie habe den Eindruck, nur so eine verantwortungsvolle Mutter zu sein. Der Therapeut nickt. „Und das kann sich auch erst einmal so anfühlen.“, antwortet er. Weiter erklärt er: „Die Sorgen geben ihnen das Gefühl, aktiv etwas für die Sicherheit ihrer Familie zu tun. Langfristig lernt das Gehirn aber etwas anderes: Es denkt, dass die Sorgen sie schützen. Aber dadurch wird das Sorgenmachen selbst immer häufiger als Strategie eingesetzt – auch dann, wenn gar keine reale Gefahr besteht. So kommen sie nicht mehr los von ihren Sorgen.“ Sophia erkennt sich in dieser Aussage wieder.

Im letzten Artikel haben wir die Meta-Sorgen, also die Sorgen über das Sich-Sorgen-Machen, als zentralen Bestandteil der generalisierten Angststörung identifiziert. Meta-Sorgen zählen zu den negativen Meta-Kognitionen, da die Sorgen selbst hier als belastend, nicht hilfreich, erlebt werden. Zu Beginn war Sophia überzeugt, dass ihre Sorgen notwendig seien und ihr Kontrolle geben würden, doch nach monatelanger Belastung erschrecken sie die Intensität und Häufigkeit ihrer Sorgen zunehmend. Wenn sie nachts stundenlang wach liegt oder sie sich tagsüber kaum noch konzentrieren kann, entstehen neue Sorgen und sie denkt sich: „Ich muss weiter darüber nachdenken, weil ich dadurch vielleicht eine Lösung finde, aber gleichzeitig macht es mir auch Angst, dass ich nicht mehr aufhören kann zu grübeln.“ oder auch „Das ständige Sorgen macht mich bestimmt bald körperlich krank“. Solche Gedanken werden somit zum Auslöser neuer Angst. Zunehmend bekommt Sophia Angst vor ihren eigenen Gedanken, sodass sie diese noch mehr meiden möchte und versucht, mehr Kontrolle zu erlangen – mit den bereits genannten Strategien, die nicht hilfreich sind. Es entsteht insgesamt ein Kreislauf, der sich selbst verstärkt. Sie kann kaum neue Erfahrungen machen und erlebt nicht, dass Unsicherheit zum Leben dazugehört und dass viele ihrer Befürchtungen gar nicht eintreten. So wird die generalisierte Angststörung aufrechterhalten und deswegen gehen die Sorgen oder die innere Unruhe nicht einfach weg.

Fazit

Sophia macht sich nicht zu viele Sorgen, weil sie eine schlechte Mutter ist. Sie macht sich zu viele Sorgen, weil sie eine besonders gute Mutter sein möchte. Sorgen sind keine Schwäche, das erkennt sie nun. Sie versteht jedoch auch, dass die positiven und negativen Gedanken, die sie sich über ihre Sorgen macht, langfristig nicht hilfreich sind und dass ihr Verhalten ihre Angst weiter bestehen lässt. Der Therapeut hat eine gute Nachricht für sie: An den herausgearbeiteten Ebenen des Fass-Modells kann man psychotherapeutisch gut ansetzen und so den Wasserpegel des Fasses wieder senken. In unserem nächsten Artikel soll es daher um die Behandlung der generalisierten Angststörung gehen. Wenn du dich in Sophia erkennst und auch endlich verstehen möchtest, wo die Ursache und die aufrechterhaltenden Faktoren deiner Sorgen liegen, unterstützen wir dich gerne dabei, deine individuellen Muster und die zugrundeliegende Faktoren deiner Ängste zu ergründen. Melde dich online für ein Erstgespräch bei 100Fears an.

Autorin

Lea Anthes
Psychologin M. Sc., Psycho­logische Psychotherapeutin in Ausbildung, Bloggerin bei 100Fears

Fachlich geprüft von

Marco Schneider
Psychologe, M. Sc., ­Psycho­logischer Psychotherapeut, Inhaber
Textquellen

Generalisierte Angststörung.
Becker, E. & Hoyer, J. (2005, 1. Aufl.). Hogrefe.

Generalisierte Angststörung. Ein Therapieprogramm.
Becker, E. & Margraf, J. (2007, 1. Aufl.). Beltz.

Anxiety disorders: A biopsychosocial model and an Adlerian approach for conceptualization and treatment.
Jokinen, R. R., & Hartshorne, T. S. (2022).
The Journal of Individual Psychology, 78(2), 155-174. https://doi.org/10.1353/jip.2022.0022 

Wissenschaftlich
fundierte Selbsthilfe­literatur

Lass die Angst ziehen: Den Sorgenkreislauf durchbrechen und angstfrei leben.
Callesen, P. & Futtrup, A. M. (2021, 1. Aufl.). Beltz.

Ratgeber Generalisierte Angststörung: Informationen für Betroffene und Angehörige.
Hoyer, J., Beesdo-Baum, K. & Becker, E. S. (2016, 2. Aufl.). Ratgeber zur Reihe Fortschritte der Psychotherapie: Band 15. Hogrefe.

Sorgenlos und grübelfrei: Wie der Ausstieg aus der Grübelfalle gelingt. Selbsthilfe und Therapiebegleitung mit Metakognitiver Therapie. Rudolf, S., & Korn, O. (2023, 3. Aufl.). Beltz.

Diese und viele weitere Bücher stehen in den Praxen von 100Fears für Sie zur Ausleihe bereit.


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